Krisenkommunikation vor dem Ende II.

Bild-Quelle: Wirtschaftswoche

Update am 28.08.17: Audi meldet Vollzug bei den Auswechselungen im Vorstand. Allein mit meiner Einschätzung zur Zukunft des Audi-Vorstandsvorsitzenden Stadler (siehe unten) lage ich (Stand heute) falsch…

Update 06.08.17: : Die niedersächsische Staatskanzlei hat inzwischen mit einer Pressemitteilung zu ihrer Sicht der Dinge reagiert – die darin gegebene Erklärung macht es nicht besser.

 

Aus Sicht der Krisenkommunikation und des Reputationsmanagements war das eine äußerst interessante Woche.

Über den „Diesel-Gipfel“ und dessen Ergebnisse ist ja hinreichend berichtet und alle Facetten sind ausgeleuchtet worden; die Tonalität der Medienberichte kursorisch betrachtet, haben alle, Automobil-Industrie, Politik und Umwelt, nicht gewonnen, sondern die beiden Erstgenannten vielmehr (noch mehr?) Reputation verloren – die Wirkung für die Umwelt bleibt meiner Meinung nach übersichtlich.

Die Satiriker und Karikaturisten nehmen das Gipfel-Kernergebnis vom Heilsbringer „Software-Updates“ gekonnt auf die Schippe. Sei es der Postillon, der Kohlekraftwerke per Update sauber macht, oder die Welt, die nach dem Vorbild des Gipfels auch für Fipronil-belasteten Eier eine kostengünstige Lösung erdacht hat. Damit dürfte das Thema „Software-Update“ richtig positioniert und auch seine kommunikative Wirkung als unwirksam eingeordnet sein.

BMW-Saubermann-Idee verpufft

Bemerkenswert waren diese Woche darüber hinaus diese Aspekte in Sachen Image- und Reputationsmanagement:

BMW unternimmt den Versuch, dem eigenen Saubermann-Image einen neuen Beleg zu geben: In der Mittwoch-Ausgabe der Süddeutschen plaudert BMW-Einkaufsvorstand Markus Duesmann munter über die vergeblichen Versuche der weiß-blauen Ingenieure, hinter das Harnstoff- Geheimnis der Kollegen aus Ingolstadt zu kommen und warum sich das Münchener Unternehmen (angeblich) für einen anderen Weg als Audi entschieden hat.

Ich hätte erwartet, dass diese Story (gut erzählt und mit durchaus beachtenswerter Sprengkraft) breiter aufgegriffen werden würde. Nun ja, der mediale Erfolg ist eher bescheiden, was die Kommunikations-Strategen, die sich diesen Dreh ausgedacht haben, sicher ärgern dürfte.

Bild: Google News (Recherche-Ausschnitt)

Bescheiden auch die mediale Wirkung einer durchaus relevanten Personalmeldung: Das Manager-Magazin berichtet, dass bei Audi ein massiver Umbau des Konzernvorstands beschlossen sei. Gleich 4 von 7 Vorständen müssen, so das Magazin, ihren Posten räumen. Auch diese – aus meiner Sicht beachtenswerte Nuance – wird medial nur vergleichsweise gering weitergedreht. Wenngleich die Abberufung offenbar noch nicht vollzogen ist (Stand heute), bleibe ich bei meiner Einschätzung im vorherigen Blog, dass das Reputationsmanagement von Audi ihre Strategie an neuen Gesichter wird ausrichten müssen. Und auf Audi-CEO Rupert Stadler wird man sicher auch nicht mehr lange zählen können, wenn sich die Bußgeld-Ermittlungen, über die die Süddeutsche berichtet, auch auf ihn ausweiten oder seine Rolle bei der „Korrektur“ einer wichtige Konzernpräsentation vor US-Behörden genauer untersucht werden wird.

Wenn vermeintlich korrekte Erklärungen ein Desaster sind

Wie hilflos Krisenkommunikation bisweilen sein kann, wenn der zu erklärende Sachverhalt einfach nicht anders als die desaströse Abstinenz korrekten Verhaltens zu sehen ist, zeigt das Beispiel Niedersachsen, genauer: Die Regierungserklärung von Ministerpräsident Stephan Weil zur „Diesel-Thematik“ 2015.

Der Entwurf seiner Rede vor dem Parlament in Hannover wurde von seiner Pressesprecherin an ihren Duz-Freund und VW-Cheflobbyist Thomas Steeg übermittelt mit der Bitte zu prüfen, „ob da irgendwas drin steht, was so gar nicht Euren faktischen oder rechtlichen Erkenntnissen entspricht“, wie Bild am Sonntag und viele andere Quellen (u.a. FAZ) schreiben.

Ich bin kein Fachmann im Aktiengesetz, welches bekanntlich dem Aufsichtsrat die Überwachung der Geschäftsführung als eine seiner wichtigsten Aufgaben eindeutig zuweist; aber die Frage darf ich mir stellen, ob sich eine „Faktenprüfung“ (so es denn nur eine solche gewesen ist) durch den zu Kontrollierenden noch in diesem rechtlichen Rahmen bewegt.

Noch bemerkenswerter aber ist die Antwort, die Weil dem Recherchenetzwerk Deutschland (RND) zu der entsprechenden Frage des Reporters Dirk Schmaler gegeben hat: „Während Journalisten (…)heikle Formulierungen von eigenen Juristen prüfen (lassen, Erg. d. A.) (…) übergeben (Sie, Erg. d. A.) das VW. Der Vergleich hinkt. In der Diesel-Affäre hatten wir auf die Spezialitäten des US-Verfahrensrechtes Rücksicht zu nehmen. Dafür braucht man Spezialisten. (Herv. d.d.A.)“

Der letzte Satz ist entlarvend und entscheidend: Der Ministerpräsident eines nicht unbedeutenden Bundeslandes erklärt sich bzw. sein Verhalten damit, dass er in einer Angelegenheit solcher Tragweit zuvor externen Sachverstand einholen wollte. Das ist verständlich. Aber will mir die administrative Spitze Niedersachsen allen Ernstes weissmachen, dass seine Staatskanzlei Sachverstand und Rat ausgerechnet nur dort einholen kann, wo die Objekte seiner Kontrollpflicht sitzen. Kann eine Staatskanzlei nicht auf andere, unabhängige Expertise zurückgreifen?

Ich bin fassungslos! Wer auch immer Weil bzw. seinem Kommunikationsteam zur Vorbereitung auf das RND-Interview diese Antwort in den Fragen-Antworten-Katalog diktiert hat, sollte sehr ernsthaft darüber nachdenken, ob er/sie in Sachen Krisenkommunikation am richtigen Platz ist.

Update: Die niedersächsische Staatskanzlei hat inzwischen (Sonntag, 06.08.17, 16:00 Uhr) mit einer Pressemitteilung zu ihrer Sicht der Dinge reagiert – die darin gegebene Erklärung macht es nicht besser.

Bild: Spiegel online 06.08.17