Rettungslos im medialen Tsunami.

Quelle: Ausschnitt aus sueddeutsche.de

Das Stadtfest im baden-württembergischen Schorndorf wurde unversehens zu einem medialen Großereignis, gespeist aus den medientauglichen Zutaten „Krawall“, „sexuelle Übergriffe“ und „Migrationshintergrund“. In der Spitze schien das beschauliche Städtchen 30 Autominuten östlich von Stuttgart urplötzlich vergleichbar mit dem G20-Hamburg dieser Tage oder der Kölner Silvesternacht 2015/2016.

Es war in Wahrheit anders, bei weitem nicht so dramatisch wie es der Medienlage nach erschien. Gleichwohl ist Schorndorf ein Beispiel aus der Medienwirklichkeit dieser Tage und Beleg einer öffentlichen Wahrnehmung, die vielfach geprägt wird durch die schnapp-atmende Art der sog. soziale Medien.

Aufeinander geprallt sind in diesem Fall (am Sonntag, den 16. Juni):

Eine ungeschickt formulierte Pressemeldung der Polizei und eine hastig hingeschusterte (und damit irreführende) Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die DPA-Meldung verbreitete sich in Windeseile über die Nachrichtenseiten vieler Verlagshäuser; deren Online-Nachricht dann befeuerte die Kommentierung und Skandalisierung in den Social-Media-Plattformen. Und so sah sich die Administration der 40.000-Einwohner-Stadt konfrontiert mit einem Aufmerksamkeits-Hype und einer krisenhaften Medienlage, der sie – meiner Einschätzung nach – recht hilflos gegenüber stand.

Die Faktenlage

Den (nach heutigem Stand) gesicherten Fakten gab es bei diesem Stadtfest sexuelle Übergriffe in mehreren Fällen. In 6 Fällen ermittelt die Polizei gegen Unbekannt bzw. gegen einen irakischen und drei afghanische Tatverdächtige. Und es hat einige Rangeleien sowie diverse robuste Auseinandersetzungen zwischen Festbesuchern (unterschiedlicher geografischer Herkunft) und der Polizei gegeben. Soweit der Faktencheck, wie er etwa bei correctiv nachzulesen ist oder sich im Offenen Brief des Schorndorfer Oberbürgermeisters Matthias Klopfer und der offiziellen Sichtweise des Rathauses darstellt. Die dpa ihrerseits zeigt sich im Mediendienst Meedia ziemlich zerknirscht über ihre journalistische Performance in diesem Fall.

Die – aus der Entfernung hier erkennbaren – Fakten widersprechen also der (medien-)öffentlichen Wahrnehmung des eigentlichen Ereignisses.

Rettungslos im medialen Tsunami

Dem sich ab dem Nachmittag des 16. Juni aufbauenden medialen Tsunami tritt die Pressestelle der Stadt dann anderentags mit einer länglichen Pressemitteilung entgegen, ohne offenbar viel damit zu erreichen. Der stadteigene Twitter-Kanal ist als Quelle der Stadt-Meinung und damit als mögliches Korrektiv im News-Strom unwirksam für eine dringend gebotene und zeitnahe Krisenkommunikation. Und weder der städtische Facebook-Auftritt noch das FB-Account des Oberbürgermeisters kommen in der Folge gegen die stetig wachsende Flut aus übertreibenden, skandalierenden und vielfach auch hetzenden Posts an – die Fakten und damit die objektive Wahrnehmung eines Ereignisses verlieren (erneut) gegen die Hyperventilation des Netzes und seiner Einwohner.

Als Konsequenz aus diesem Medien- und Social-Media-Erlebnis forderte das Stadtoberhaupt nun einen landesweiten Krisenstab Kommunikation, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, denn: „Eine Stadt wie Schorndorf ist mit einer solchen Lage rein kommunikativ überfordert“, zitiert das Blatt den OB.

Krisenkommunikation muss schnell und entschlossen sein

Diese Einschätzung Klopfers der Überforderung stimmt meiner Ansicht nach aber nur bedingt:

Richtig ist, dass einer journalistisch mangelhaften Berichterstattung einer angesehenen (und reichweitenstarken) Nachrichtenagentur nur schwer beizukommen ist; vor allem bei der nahezu in Echtzeit ablaufenden Weiterverbreitung in den elektronischen Medien. Dass DPA aber erst viel, viel später ihre irritierende Erstmeldung korrigiert, ist bereits das erste schwerwiegende Versäumnis der Verantwortlichen in Schorndorf. Die Deutsche Presse-Agentur hat eine 24/7 besetzte Zentralredaktion, wäre also auch erreichbar gewesen. Ob´s versucht wurde? Ich weiß es nicht. Aus eigener Erfahrung aber möchte ich beisteuern, dass sich der Aufwand der Intervention lohnt. So habe ich selbst einmal (noch in meiner Funktion als Unternehmenssprecher) gegen eine hanebüchend falsche Vorabmeldung einer Regionalzeitung an einem Freitag Abend und der darauf fußenden DPA-Meldung antreten dürfen; der DPA-Desk hat sich meinen redaktionellen Argumenten angeschlossen und sich rasch korrigiert, so dass die „Falschmeldung“ zumindest in den elektronischen Medien schnell gerade gerückt war – der Kampf mit der Regionalzeitung dauerte wesentlich länger (wurde aber auch gewonnen).

Ereigniskommunikation als integralen Bestandteil verstehen

Und so sind meiner Meinung nach auch die relativ überschaubaren Organisationsstrukturen einer kleineren Stadt oder Gemeinde nicht komplett wehrlos in einer solchen, sich stetig aufbauenden medialen Krisenlage. Der Schorndorfer Oberbürgermeister ahnte, was auf sein Städtchen zukommen wird, als er am Nachmittag des 16. die Pressemeldung der Polizei in die Hände bekam: „Ich habe um16:30 Uhr die Pressemitteilung gelesen und habe gesagt: ‚Tagesschau‘!“, zitiert die Süddeutsche Zeitung den OB. Er hat also die mediale Sprengkraft dieser Pressemitteilung durchaus erkannt, aber offenbar nicht professionell und vor allem nicht entschlossen genug gehandelt.

Um in einem solchen Fall rasch agieren zu können und den drohenden Schaden bestmöglich zu begrenzen, ist neben Schnelligkeit und Entschlossenheit vor allem Vorbereitung nötig: Wirksame Ereigniskommunikation ist immer integraler Bestandteil jeder Veranstaltungsorganisation: Nur wer im Rahmen der Vorbereitung z.B. eines Stadtfestes bei allen Verantwortlichen (wie etwa Veranstalter, Stadtverwaltung nebst Pressestelle, Polizei und lokalen Medien) die Awareness für potentielle Kommunikationskrisen erzeugt und sich rechtzeitig über einen organisationalen Rahmen für Kommunikationsanlässe, -wege und die nötigen Abstimmungsprozesse verständigt, wird wirksam mit krisenhaften Medienlagen umgehen können. Wenn dann noch eine Medientraining für Pressesprecher und die politisch Verantwortlichen einer Stadt oder Gemeinde vorgeschaltet war und die dort vermittelten Fähigkeiten abgerufen werden können im Ereignisfall, schadet das keinesfalls.

 

Bild: Ausschnitt sueddeutsche.de