Sätze gezählt – Ziel verfehlt.

Leipzig, 21.06.17 – Es ist aller Ehren wert, jährlich die Verständlichkeit der Vorstandsreden der wichtigsten börsennotierten Unternehmen genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Uni Hohenheim tut dies seit einigen Jahren erfolgreich und in Kooperation mit der Tageszeitung „Handelsblatt“ (zur Studie „Klartext oder Kauderwelsch? Die formale Verständlichkeit der CEO-Reden auf den Hauptversammlungen 2017 (DAX-30-Unternehmen“)

Liest man (ich gebe zu: eine passivische Formulierung, die die Verständlichkeit mindert), also liest man die Studie und ihre Ergebnisse, findet man viele interessante Details und eine Vielzahl richtiger Hinweise für die Aufgabe: „Die gute Rede“. Richtig ist aber auch, dass die Studie, ihr formaler Ansatz sowie ihre Auswertung und Schlussfolgerungen selbst ein paar Schwächen offenbaren:

Kritik 1 bis 3

Wenn ich die Autoren der Studie richtig verstanden habe, werden die Redemanuskripte mit Hilfe einer speziellen Software analysiert und dann an Hand verschiedener Kriterien bewertet. Und das geht nach Angaben der Verfasser so: „Anhand der Rede-Manuskripte ermittelt die Software zahlreiche Wort- und Satzmerkmale, u.a.: durchschnittliche Satzlänge, Anteil der Sätze mit mehr als 20 Wörtern, Anteil der Schachtelsätze und der Sätze mit mehr als zwei Informationseinheiten, Anteil der Passiv-Sätze, durchschnittliche Wortlänge, Anteil abstrakter Substantive, Anteil Fremdwörter, Anteil der Wörter aus dem Grundwortschatz.“ (Zitat Studie)

Was fällt auf? Dieser Satz hat – shocking! – 48 Wörter und damit mehr als doppelt so viele wie die Hohenheimer Kommunikationsforscher als ein Kriterium verstehen, die Verständlichkeit einer Rede zu be- und bei Überschreiten (maximal 20 Worte) auch abzuwerten.

Ok, nicht ganz fair: Rede und Lese-Text sind zwei verschiedene Dinge – aber ich bin der Meinung, auch schriftlich geht´s sicher besser im Sinne der Verständlichkeit und der Elle, die angelegt wird.

Pseudo-Genauigkeit im Komma-Prozentpunkt-Bereich

Zweiter Kritikpunkt: Beim Ranking, also der Reihenfolge der besten Redner im sogenannten „Hohenheimer Verständlichkeits-Index“, wird die Rangfolge der Platzierten in Prozent mit Nachkomma-Stelle angegeben. Als Beispiel sei hier der Erstplatzierte genannt, Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Telekom AG: Sein Redemanuskript für die Hauptversammlung wurde mit dem Nahezu-Bestwert von 19,8 (!) Punkten bewertet; eine Steigerung zum Vorjahr (19,6%) um sagenhafte 0,2 Prozentpunkte.

Was sagt mir das? Offenbar hat sich Höttges in 2 Sätzen sprach-verständlich noch geschickter angestellt als im Jahr zuvor. Es mag ja sein, dass rein rechnerisch die formale Kalkulation der vielen genannten Kriterien eine Steigerung um 0,2 Prozentpunkte ergibt – hat das irgendeinen sinnvollen Nutzen, um die Redequalität zu beurteilen? Ich meine: Nein! Und es ist fast schon lächerlich. Denn wir sind hier nicht im Finanzgewerbe oder im Industrie-Reinraum, wo zum Beispiel ein 0,2-prozentiges Zinsplus einen enormen Betrag bedeuten kann oder 2 unerwünschte Staubpartikel zu viel eine ganze Produktions-Charge vernichten.

Hier gaukelt die Hohenheimer Redeanalysten also eine Genauigkeit vor, die meiner Meinung nach völlig irrelevant ist. Denn eine Veränderung von 0,2 Prozentpunkten macht bei 1.000 Sätzen einen Unterschied von 2 Sätzen, die softwaregeprüft besser, weil verständlicher gewertet werden – das hilft niemandem. Wei sinnvoller wäre es, die Verständlichkeit einer Rede in Gruppen anzugeben, also etwa „sehr verständlich“, „verständlich“ oder „wenig verständlich“, meinethalben auch „unverständlich“. Ich sollte mich als Redner sorgen, wenn ich in Gruppe drei und vier abschneide.

Kriterien einer wirksamen Rede nicht betrachtet

Dritter Kritikpunkt, den die Autoren auch ansatzweise einräumen, um „Missverständnissen vorzubeugen: Die formale Verständlichkeit ist nicht das einzige Kriterium, von dem die Güte einer Rede abhängt. Wichtiger noch ist der Inhalt. Und hinzu kommen Kriterien wie der Aufbau der Rede oder der Vortragsstil. Aber: Formal verständliche Botschaften werden von den Zuhörern besser verstanden und besser erinnert. Zudem sind die Zuhörer eher in der Lage, die Kernbotschaft einer Rede wiederzugeben. Und verständliche Botschaften genießen mehr Vertrauen als unverständliche Botschaften.“

Hier möchte ich entschieden widersprechen als jemand, der in seinem Berufsleben schon die ein oder andere Rede (häufig und gern für andere) geschrieben hat: Verständlichkeit – ja! Inhalt –ja! Aber „Aufbau der Rede und der Vortragsstil“, wie die Hohenheimer in ihrer Reihung suggerieren, kommen nicht einfach „hinzu“; im Gegenteil: Aufbau und Stil sind ebenso elementar für eine gute Rede wie eben auch und ganz besonders das Talent des Redners und seine Präsenz über Erfolg oder Misserfolg entscheiden – und diese entscheidenden Faktoren der persönlichen Präsenz und Wirkkraft des Redners selbst haben die Autoren eben nicht untersucht, sondern „nur“ das Manuskript maschinell ausgelesen und damit die schriftliche Fassung beurteilt. Das ist schade und springt viel zu kurz.

Fazit

Interessante formale Betrachtung, aber auch nicht mehr.

Ein guter Redner wird auch mit einem weniger guten Manuskript ein annehmbares Ergebnis erzielen. Der Umkehrschluss aber gilt in diesem Fall nicht – und sei die Rede auf dem Papier noch so perfekt, also gut aufgebaut, stilsicher, spannend und verständlich: „Überschaubares“ Redetalent, mangelnde Übung oder gar Angst vor der Rede sind Garanten dafür, dass die Rede misslingen und der Redner damit seine Ziele nicht erreichen wird.

Foto: John-Mark-Kuznietsov/pexels-photo

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