Thüringen zahlt Ökostrom-Anbietern das Marketing/Quelle: Welt online

Beim ersten Lesen klingt es wie der perfekte Aufreger: „Thüringen zahlt Ökostrom-Anbietern das Marketing“ titelt Welt-Online den Beitrag über das „Klimaretter-Sparbuch“ des Thüringer Ministeriums für Umwelt, Energie und Naturschutz (TMUEN) vom Juli 2017 (hier zum Download der Broschüre). Angeführt wird das Ministeriums bekanntlich von Anja Siegesmund, Bündnis 90/Die Grünen; insofern bedient die Schlagzeile ein wohlfeiles Vorurteil.

Die Kritik der Welt-Redaktion: Im vom Ministerium verteilten Klimaretter-Sparbuch „gibt sie (Ministerin Anja Siegesmund, Anm.d.A.) den Bürgern den Tipp, ,Grünstrom-Konsument´ zu werden und damit ,tonnenweise CO2 ´zu sparen. Konkret empfiehlt die ministerielle Broschüre den Wechsel zu ,Naturstrom, Polarstern, Greenpeace Energy, Lichtblick und EWS Schönau“.

Und obendrauf gibt´s auch noch bargeldlose Gutscheine für den Wechsel zu Grünstromanbietern (Ironie an! Der Skandal weitet sich aus…Ironie aus!).

Klimaretter-Sparbuch/Quelle: TMUEN
Klimaretter-Sparbuch/Quelle: TMUEN

Berechtigte Kritik an verbotener staatlicher Wahlkampf-Hilfe?

In der Hochphase des Wahlkampfes ein scheinbar ideales Beispiel dafür, wie staatliche Gelder für einseitige Parteipropaganda (in diesem Fall: Klima/Öko/Bio=Grün) missbraucht werden: „Der Gedanke, dass staatliche Einkaufsempfehlungen für handverlesene Unternehmen den Wettbewerb verzerren, beihilferechtlich problematisch und ein Fall für den Rechnungshof sind, scheint Siegesmund nicht gekommen zu sein“, bilanziert die Welt. Große Geschütze werden aufgefahren, aber es stellt sich die Frage, ob die Vorwürfe in diesem Fall gerechtfertigt sind und sie taugen, eine Verquickung von Amt und Mandat berechtigterweise und kritisch zu hinterfragen?

Ich meine: nein!

Wer sich die Mühe macht, die fast 170 Seiten starke Broschüre durchzublättern oder -lesen, wird feststellen: Der erhobene Vorwurf ist in seiner Verkürzung nach nicht zutreffend.

Richtig ist, dass in der Broschüre einige Grünstromanbieter textlich (und auch durch die Gutscheine) herausgehoben werden; gleichzeitig wirbt die Broschüre aber auch dafür, sich sorgsam mit den zahlreichen Anbietern nachhaltiger Energieproduktion auseinander zusetzen: „Schauen Sie bei der Suche nach einer neuen Stromversorgung kritisch auf die Herkunft des Stromes sowohl von überregionalen als auch regionalen Anbietern. Informieren Sie sich, aus welchem Mix Ihr Strom besteht, ob aus Wasserkraft, Wind, Sonne oder Biogas. Nicht jedes Angebot im Internet ist so grün, wie es beworben wird“, empfiehlt das Klimaretter-Sparbuch und verweist auf die entsprechende Internetseite des Nachhaltigkeitsportals utopia.de.

Soweit alles richtig.

Teils besserwisserisch und auch kritikwürdig, aber sicher kein Aufreger

Das Klimaretter-Sparbuch insgesamt wirkt auf mich vielmehr wie eine kursorische Sammlung sog. „nachhaltiger Themen“ und ist eher als Ideengeber für einen bewussteren Umgang mit Rohstoffen und Ressourcen zum Schutz des Klimas gedacht, als es eine Werbebroschüre für bestimmte (dem grünen Klientel mutmaßlich nahestehenden) Anbieter darstellt. Zumal ein „bunter Strauß“ an Anregungen gebracht wird, seien es Verweise auf lokale Hofläden, Car-Sharing- und Elektromobilitäts-Angebote oder CO2-Minderungstipps für Fernreisen, ohne dem geneigten Leser Ferntouristik per Flugzeug madig zu machen – alle mit dem (unausgesprochenen) Hinweis versehen, dass es hier um eine Auswahl ahndelt und nicht der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird.

Das Bewusstsein zu schärfen und an der ein oder anderen Stelle „nachhaltige“ Alternativen zu erwägen – diesen (unterstellten) Zweck erfüllt die Broschüre aus meiner Sicht zweifelsohne und damit ist ihre Publikation auch durch staatlichen Auftrag gedeckt. Dass das Klimaretter-Sparbuch durch seine wohlwollende „Ich-weiss-was“-Tonalität ein wenig weltverbesserisch wirkt und die etwas kindliche grafische Gestaltung den Flair von Birkenstock und naturnaheer Kernseife verströmt hat – geschenkt, und nur Geschmackssache!

Kritischer zu sehen sind manche Schlussfolgerungen bzw. Empfehlungen in diesem Sparbuch: So wird etwa auf Seite 19 zur Verbesserung der persönlichen CO2-Bilanz die kühne Behauptung aufgestellt, ein 3-Personen- Haushalt könne fast eine Tonne CO2 jährlich einsparen, würde die Heizung der Mietwohnung (so das Beispiel) von Gas auf Fernwärme umgestellt werden. Abgesehen davon, dass ein Mieter in der Regel nur einen sehr geringen bis keinen Einfluss hat auf die Wahl des Energieträgers der gemieteten Wohnung (also ein völlig sinnfreier Tipp!), bleiben die Autoren die nachvollziehbare Erklärung schuldig, wie die hierzulande gängige, im Wesentlich fossil erzeugte Fernwärme gegenüber dem umweltschonenden Energieträger Erdgas/Biogas um so viel besser abschneiden sollte.

Mindestens zu hinterfragen auch die Argumentation zum nachhaltigen Konsum und der Verweis auf faire Arbeitsbedingungen und Produktion von Investitions- und Konsumgütern (was zunächst richtig ist): So werden etwa beim Plädoyer für die Elektromobilität weder die schlechte CO2-Bilanz der Stromfahrzeuge noch der Ressourcen-Bedarf etwa an Seltenen Erden (vielfach unter katastrophalen Arbeitsbedingungen gewonnen!) thematisiert; hier hätte ich durchaus eine abgewogenere Darstellung erwartet bzw. Hinweise auf heute bereits gängige, weniger umweltbelastende Antriebstechnologien wie etwa Erdgas-Mobilität.

Wenig professioneller Umgang mit kritischer Bericherstattung

Bleibt zum Ende noch eine offene Frage: Der Welt-Artikel schließt mit dem Hinweis, dass das Ministerium auf die Anfrage der Welt-Redaktion nicht geantwortet habe. Entweder konnte man nicht „zeitnah“ auf die Presseanfrage reagieren, oder man wollte nicht. In beiden Fällen ist es kein professioneller Umgang mit kritischer Berichterstattung und es wurde die Chance vergeben, die eigene Sicht der Dinge zumindestens für die Berichterstattung anzubieten.

Mein Fazit:

Man darf sich zu Recht kritisch mit dieser Broschüre auseinandersetzen. Aber der Vorwurf, der Freistaat Thüringen betreibe auf Kosten des Steuerzahlers Marketing für Grünstrom-Anbieter, ist in dieser Verkürzung absurd.